Bericht: Sommer 2004 · 19.02.2007

Liebe Freunde und Unterst?tzer,

seit letztem Brief sind es zwei Jahreszeiten vergangen, so wird dieser Brief aus zwei Teilen bestehen: Fr?hjahresbericht und Sommerbericht.

Der vergangene Sommer war eindrucksvoll, von der Stimmung und auch von dem Wetter her. Beides war Kontrasten- und Erlebniss voll, jetzt aber, wenn die Erntezeit schon gekommen, kann man bestehen, der Sommer brachte mehr Fr?chte als Furchten.

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Diesen Sommer wurden 6 Zeitbetreuten in Monino aufgenommen. Insgesamt fanden es 9 Zweiwochenaufenthalte von Zeitbetreuten statt. Sie wurden von Igor und drei jugendlichen Mitarbeitern (Sonja Starostina, Katja Ghukova und Mitja Leonov) betreut. F?r Zweiwochenaufenthalt mussten die Eltern 150 Euro zahlen (f?r 9 Aufenthalte – 1350 Euro). Das Geld wurde folgenderweise verteilt: Gemeinschaftskasse – 300 Euro, davon 200 Euro sind schon f?r Autos verwendet, Betreuung – 550 Euro (Betreuer wurden 50 bis 100 Euro in zwei Wochen bezahlt), 500 Euro – Unterhalt, Ausfl?ge usw.

Herzlicher Dank gilt an Herrn Dr. Prof. Hoffmann. Der Aufenthalt von 3 Betreuten aus der Schule “Svjatoj Georgij” im August wurde nur durch sein Spendebeitrag m?glich.

Wir m?chten uns auch beim F?rderkreis Dorfgemeinschaft und anthroposophischen Arbeitskreis in M?rnau, und Frau Magerst?dt personlich, ganz herzlich bedanken f?r Spendebeitrag, der den Kauf vom neuen Traktor mit einem Schneepflug erm?glicht hat.

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Annalen

Juni

Meisten Mitarbeiter haben in diesem Monat Urlaub gemacht. Olga und Mascha mit Tusja, Nikola und Matwej waren auf der Krym. Uljana hat eine Wanderung mit der achten Klasse der Moskauer Waldorfschule unter Leitung von Boris Starostin eben auf der Krym gemacht.

Ab 6 bis 20 Juni haben Igor und Sonja drei Jugendlichen aus der heil-p?dagogischen Schule “Svjatoj Georgij” betreut.

Wlad, mithilfe von ersten Sommerg?ste, machte Landwirtschaft.

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Juli

In diesem Monat hatten wir eine neue Zeitbetreutin – Galja. Sie wurde von Katya Ghukova, zwanzigj?rigen Eurythmie-Studentin aus Moskau, betreut.

Es wurden viele Vorr?ter gemacht. Insgesamt haben wir f?r den Winter in unserem Speicher: 130 Liter Marmelade – Johannesbeere, wilde Erdbeere, Himbeere, Heidelbeere, ?pfel, Steinbeere; 14 Sorten vom Kr?utertee; Bonen und Erbsen – getrocknet und tiefgefroren; Gurken, Zucchino, Dill – in Marinade u.a.

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August

Wie immer, waren das Jugendlager und Seminar von Sergej Miljutin die gr?ssten Ereignisse vom August.

Heuernte brachte im August 11 Tonen Heu. Das Heu soll jetzt f?r unsere Tier f?r 1,5 Jahre reichen.

Ab 14 bis 28 August fand zweiter Besuch von Sch?ler aus “Svjatoj Georgij” statt. Wie im Juni sie wurden von Igor und Sonja betreut. Dieses Mal waren sie ein Teil des Jugendlagers.

Zum dritten Mal kam nach Monino Ilja. Er blieb 4 Wochen und wurde von Mitja Leonov betreut. Dieses mal hat er selbe Betreuerrolle gespielt – mit Mitja hat er Sonja und Igor geholfen, Sch?ler aus “Svjatoj Georgij” zu betreuen.

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Berichte

Galja

Diesen Sommer, vom 20 Juli bis 2 August war ich verantwortlich f?r die zehnj?hrigen Autistin Galja. Sie kam nach Monino aus Moskau zusammen mit ihrer Mutter Irina.

Galja kann kaum sprechen, versteht dagegen ganz gut. Ab und zu spricht sie einzelne Silben aus, die ganze W?rter bedeuten sollen. Infolge fr?herer Pubertatskrise hat Galja regelm?ssige Anschl?ge der Agression, die auf die Gegenst?nde, Menschen, aber auch sie selbst gezielt sind. Sie schmeisst die Sachen herum, bei?t, schl?gt, rei?t die Haare usw. Seit zwei Jahren bekommt sie starke Neuroleptike, da die Eltern mit ihr sonst nicht mehr zu Recht kommen. In Moskau besucht Galja zwei Mal in Woche staatliche Bechindertenschule. Da ist sie die einzige Autistin, sonstige Sch?ler haben bloss Lernst?rung (Oligofrenie der sovjetischen Terminologie nach), und die Lehrer wissen nicht, was sie mit so einem Kind anfangen sollen. Bis vor einem Jahr besuchte sie ausser der Schule eine Kindergruppe im Heil-p?dagogischen Zentrum (HPZ), jetzt heil-p?dagogische Schule “Turmalin”.

In Monino habe ich mit Galja Kr?uter f?r den Winter gesammelt, im Stall und im Garten gearbeitet, Essen gekocht.

Mascha oder ich haben eine t?gliche Malstunde mit Galja gemacht.

Den gr?ssten Eindruck hat auf Galja der Wald gemacht. Sie konnte stundenlang dort spazierengehen.

Gew?hnlich hatte Galja t?glich gegen Mittag Wutanschl?ge. Mit anderen Kindern kam sie selten zu Recht – als Zeichen der Aufmerksamkeit schlug sie sie oder rie? die Haare.

Der Aufenthalt in Monino war genau so wichtig f?r Galja wie f?r ihre Mutter. Sie wurden in einer Gemeinschaft aufgenommen, wo sie nicht komisch wirken und sich nicht Aussenseiter f?hlen. Galja konnte bald alle Namen auswendig orientierte sich ganz gut im Dorf und in der Umgebung. Ihrer Mutter wurde es nach einer Woche nicht so peinlich, wenn Galja sich “komisch” benahm – in Moskau kann sie nicht mit Galja ?ffentliches Verkehr benutzen, da Galja andere Fahrg?ste st?rt.

Irina hat mit uns schon n?chste Bes?che geplant. Ich hoffe, dass in der Zukunft Galja f?r l?nger nach Monino kommen kann.

Katya Shukova

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Lager

Jugendlager sollte vom 1 bis 29 August laufen. Das ganze Jahr vorher planten und vorbereiteten wir das Lager. In der Tatsache verlief er aber spontan.

Am Ende Fr?hling erhielten wir von Moninos Bewohner eine Liste, was es im Sommer zu tun gibt. Einzeln oder gruppenweise konnten wir eine oder mehrere Aufgaben w?hlen. So klappte es, dass jeder, ausser gemeinsamer Arbeit, eine eigene hatte, f?r die er verantwortlich war.

Man kam Tage und Wochen nach dem Lager offizial angefangen hat. Insgesamt waren es 50 Teilnehmer.

Erste Woche wurde der Heuernte gewidmet. Da war das ganze Dorf im Feld.

Diesen Sommer gab es gute Ernte von Beeren und wilde ?pfel im Wald, so haben wir Marmelade f?r den Winter gekocht.

Wie immer gab es jugendliche, aber auch erwachsene G?ste, die Hilfe und Aufmerksamkeit von den anderen brauchten. Dank der besonderen Stimmung, die eine Kennzeichnung von Monino ist, fing das Lager sofort wie ein K?rper leben und jeder war ein Teil davon, unabh?ngig von den pers?nlichen Besonderheiten und Behinderungen. Es lie&sz; sich nur selten nachahnen, dass einer nicht selbstst?ndiges Leben ausserhalb Monino f?hrt.


Sommeressecke. Warten auf das Essen…

So war es im Lager Ilja, der schon im Winter und Fr?hling als Zeitbetreute in Monino lebte. Mit Mitja Leonov bauten sie das Jugendh?uschen vertig. Am 14 August kamen es 3 Jugendliche aus “Svjatoj Georgij”. Es war sogar eine Woche lang ein 65-j?hriger Mann da.

Vormittags arbeiteten wir, nachmittags fand das Kulturleben statt. Um 16.00 wurde es getanzt und gespielt, danach war Seminar mit dem Thema “M?rchen”, nach dem Abendbrot sammelten wir uns am Feuerlage machten Musik und sangen Lieder.

Was besonderes war – es wurde viel Orchester gemacht und es sind 6 Schauspiele (Puppen, Kinderspiel, Betreutenspiel und drei im Laufe vom Seminar) stattgefunden!


Betreutenauff?rung: Dima G. Und Olja – Zar und Prinzessin (links), Dima S. – der Dumme Ivan (rechts)

Jetzt ist das Lager vorbei, wir speichern die positive und negative Erfahrung f?r das n?chste Lager, planen es, und laden Euch alle, sowohl jung als auch alt, teilzunehmen.

Vera Leonova

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Ilja

Dies Mal war Ilja zum ersten Mal in Monino im Sommer. Er hat vielen neuen Leuten, auch Behinderten, und Aufgaben begegnet.

Gegen?ber seinem ersten Besuch im Februar ist er gesellig und kontaktfreudig geworden. Er ist leich zu beeinflussen. Von seinen Gesprechspartnern ?bernihmt er sofort Art vom sprechen, Geste, Ausdr?cke.

Am Anfang wusste Ilja nicht wie er mit den Behinderten umgehen soll. Er ging den Betreuten aus “Svjatoj Georgij” aus dem Wege, vermied sie. Nach einer Zeitweile gewohnte er, fing an mit innen g?nnerhaft zu sprechen und f?r sie sorgen. Er half innen sich anziehen und ihre Arbeit leisten. Seine Hauptbesch?ftigung war Bauen vom Jugendh?uschen. Er machte es mit grossem Eifer, da er sich f?r den Bau verantwortlich f?hlte. Auf der Baustelle hat Ilja viel gelernt: hammern, segen, mit der Axt umgehen. Mit den Sch?ler aus “Svjatoj Georgij” und Sonja hat er K?chendienst gemacht.


Olja, Ilja und Mitja am Dach vom Jugendh?uschen

Jeden Abend hat er Gitarestunde mit Wlad gehabt. Er spielte Gitare gern, n?tzte jede Pause um zu ?ben, und fing sogar an zu singen. Wie im Fr?hjahr hat Ilja jeden Tag Reitstunde gehabt. Mit M?he lernte Ilja selbst um seine Sachen k?mmern: waschen und trocknen. Ein Paar Tage vor der Heimfahrt hat er alle seine Sachen ordentlich gewaschen und in eine grosse Tasche gelegt. Dann hat er mich gefragt: “kann ich die Sachen hier lassen? Ich werde doch bald wieder kommen und sie brauchen!”.

Mitja Leonov

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Uljana

Ab Mitte Juni war Uljana einen Monat lang auf der Krym. Sie hat in einer Wanderung, die von Boris Starostin geleitet wurde, teilgenommen. Wir hatten viel Sorgen, nach einem Jahr stilles Leben in Monino machte sie sich zum ersten mal auf so einen langen und weiteren Weg. Sie hat aber die Pr?fung ausgehalten und kehrte am 12. Juli zur?ck nach Monino. Ende Juli nahm sie in Moskau an einem w?chentlichen Einf?rungskursus f?r Reibungsmassage, von Edelgard Grossebrauckmann geleitet, teil. Im August hat sie sich am periodischen Seminar f?r Waldorfkinderg?rterin in Moskau beworben. Jetzt wird sie vier mal im Jahr jeweils f?r zwei – drei Wochen nach Moskau zum Studieren fahren.

Mischa Starostin

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NACHWORT

Wir sind im Not.

Das m?ssen wir leider bestehen. Ab dem kommenden Herbst sind wir 12 st?ndige Dorfbewohner, davon 6 Kinder und Betreuten und 6 Erwachsene. Dazu kommen durchschnitlich 1 bis 10 Zeitbetreuten und Freihelfer die im Laufe des Jahres st?ndig in Monino sind. Zum Leben haben die st?ndige Dorfbewohner ca. 350 Euro monatlich (Zeitbetreute und Zeithelfer finansieren ihren aufenthalt eigenst?ndig): 150 Euro von Lubutka-Hilfe, ca. 75 Euro Staatlichen Renten und Kindergelder, ca. 75 Euro, die f?r die Zeitbetreuten bezahlt werden (im Herbst – Winter k?nnen wir weniger verdienen als im Fr?hjahr – Sommer) und ca. 50 Euro, die unsere Freunde in Moskau zusammenlegen. Aus dem Geld m?ssen wir unseren Haushalt unterhalten – zwei Autos und den Traktor reparieren und versorgen, Strom, Telefon, Nahrungsmitteln, Kleidung, Medikamente, Fahrten usw. Um in Monino arbeiten d?rfen m?ssen wir st?ndig ausreisen und unser Geld ausserhalb Monino verdienen. 2 oder 3 Mitarbeiter sind immer weg und die Dagebliebenen sind immer ?berlastet. ?berlebensminimum liegt bei uns etwa an 80 Euro pro Person (in Moskau – 300 Euro). Das heisst um f?llende 500 – 600 Euro zu verdienen m?ssen ein Paar von uns regelm?ssig nach Moskau oder Deutschland fahren.

Keine Dorfgemeinschat f?r Behinderte kann ohne Spendegeld existieren. Wir hoffen aber diese Abh?ngigkeit vermindern k?nnen. Innerhalb n?chster Jahre haben wir vor eine Werkstatt aufzubauen um eigene Waaren in Moskau zu verkaufen. In dieser Werkstatt werden Behinderte aus Moskau nach dem Abschluss der Heilp?dagogischen Schule l?ngere Integrationspraktika machen k?nnen. Ausserdem haben wir gerade M?glichkeit 13,6 ha um Monino herum zu erwerben. Der Preis betr?gt 5000 Euro, gr?sster Teil davon – Steuern und Amtskosten. F?r weitere 4000 Euro h?tten wir noch ein Grundst?ck 13,6 ha kaufern. In der Zukunft kann der Grundst?ck auch eine gute materialle Grundlage werden. Es soll auch eine sinvolle Investition sein, da die Grundst?cke am Ufer der Simonskoje und Gluchoje-Seen liegen und schon bald dreifach kosten werden. So kostet 1 ha neben anderen Seen in unserer Umgebung schon 2000 – 10000 Euro. ?brigens “Sosenki” – andere Seite von Simonskoje-See (der grosse See am Fusse des Moninos-H?gel) ist schon gekauft worden und wird den Turisten vermietet.

Liebe Freunde! Ein kleines, aber regelm?ssiges Beitrag aufs Konto von Lubutka-Hilfe, w?rde uns helfen die ?bergangsfase vom Idealismus zum Kapitalismus nicht so schmerzhaft erleben und gar ?berleben.

Mischa Starostin
Moskau, im September 2004

S. a. den Brief von Mischa (Sept. 2004)

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