Bericht: Fr?hling 2004 · 22.02.2007

Diesen Fr?hling lief unser Leben in Monino in ihren gew?hnlichen Bahnen. Die G?ste kamen, die Natur mischte sich in unsere Angelegenheiten ein. Wie vorher waren zehn st?ndige Einwohner da. Erwachsene: Mascha, Wlad, Igor, Olga und Mischa. Kinder: Tussja, Nikola, Matwej, Kirjuscha und Uljana. In den Berichten benutzen wir die W?rter “Betreute” und “Betreuer”, obwohl die W?rter uns fremd sind. In Monino sagen wir Erwachsene und Kinder. Das liegt nicht am Alter sondern an der Verantwortung…

---

Das erste Schuljahr in Monino

Im Juli 2003 wurde Tussja, das Adoptivkind von Mascha und Wlad, 7 Jahre alt. Es gab schon seit dem Jahr 2000 einen Schulkreis, der f?r die Gr?ndung der Schule in Monino zust?ndig war. Trotztdem kam Tussjas Schulreife unerwartet.

Diesen Sommer wurde ich mit meinem siebenj?hrigen Studium endlich fertig. Obwohl ich gerade viele weitere M?glichkeiten hatte: Managment in einer ?lfirma, arch?ologische Ausgrabungen im Nahen Osten, Promovieren u. ?., habe ich mich f?r die Schule in Monino entschieden.

Jetzt haben Tussja und ich unser erstes Schuljahr hinter uns gebracht und wir sind beide der Meinung, dass es viele Vorteile aber auch Nachteile gab. W?hrend des Jahres musste ich ein Paar mal f?r zwei bis drei Wochen ausreisen und die Schule verpassen. Da haben Boris Starostin (Hauptunterricht, Deutsch, Musik) und Igor Worotnikov (Hauptunterricht, English) mich ersetzt. Ausserdem wurde unsere Handarbeitlehrerin (meine Frau – Olga) schwanger und ab M?rz musste man die Handarbeit durch Handwerk ersetzen. Auch Eurythmie haben wir nur epochenweise gehabt, da diese Stunden nur durch Besuche von Asja Starostin aus Moskau m?glich waren.

Aber die Vorteile waren doch in der Mehrzahl. Da sind wir uns – Tussja, Lehrer und Eltern – einig.

Schulplan. Unsere Schulwoche dauert 5 Tage. Wie in allen russischen Schulen haben wir vier mal im Jahr Ferien: im Herbst und Fr?hling eine Woche, im Winter zwei Wochen und im Sommer drei Monate.

 MoDiMiDoFr
9.00 - 10.10Hauptunterricht
10.20 - 11.00DeutschDeutschMusikEnglishEnglish
11.20 - 12.00 Handarb.Handarb.MalenMalen

Von neun bis elf war ich, der Klassenlehrer da. Von elf bis zw?lf: Olga – Handarbeit und Mascha – Malen.

Im Hauptunterricht hatten wir drei Epochen Buchstaben, drei Epochen Zahlen und Mathe, zwei Epochen Formenmalen. Au?er den gew?hnlichen Stunden hatten wir unsere Besonderheiten: Schifahren, Stelzengehen, deutsches und englisches Theater.

W?hrend des Jahres hatten wir in unserer Klasse G?ste, da unsere Schule Eltern mit Kindern entsprechenden Alters l?ngere Aufenthalte in Monino erm?glicht hat. Am 21. Mai fand das Abschlussfest der ersten Klasse statt, im Herbst 2004 zieht unsere Schule in das neugebaute Geb?ude ein. Das Geld f?r den Bau hat der F?rderkreis “Dorfgemeinschaft” im Fr?hjahr 2002 gespendert und die Schule wurde diesen Winter fertiggebaut. N?chstes Jahr wird auch Nikola drei mal die Woche die Schule besuchen.

Au?er Tussja haben dieses Jahr auch unsere jugendlichen Betreuten an der Schule Unterricht gehabt.

Uljana wurde f?nf mal in der Woche ab 16 bis 17 Uhr von Igor in Mathe unterrichtet. Sie haben das Programm der 6. Klasse der Waldorfschule gemacht.

Mischa Starostin

---

ANNALEN

... Im Laufe des Fr?hlings haben wir regul?re Versammlungen durchgesetzt. Alle Einwohner der Gemeinschaft kommen donnerstags und samstags zusammen.

Am Donnerstag wird von der Hauswirtschaft gesprochen. Jedes mal berichtet Wlad, da er f?r die Hauswirtschaft verantwortlich ist, was in der vergangenen Woche gemacht wurde und was f?r die kommende Woche geplant ist.

Am Samstag ist die Versammlung den p?dagogischen und sozialen Problemen gewidmet. Die Konferenz hat gew?hnlich folgenden Verlauf:

  1. St?ndige Betreuten: Kirjuscha und Uljana.
  2. Schule und Tussja.
  3. Kindergarten.
  4. Zeitbetreute und G?ste.

Hier wird auch von den Reisen, Studien, Forschungen und Entdeckungen berichtet. Dank der Versammlungen ist jedem bekannt, was in dem Dorf passiert…

Olga Starostin

---

M?rz

Im M?rz haben Mascha und Wlad nach 7 Monaten Qu?lerei mit Beamten und Papieren die offizielle Vormundschaft f?r Tussja beantragt. Es ist uns sogar gelungen, staatliches Geld f?r die Erziehung eines Waisenkindes zu bekommen. Das sind etwa 50 Euro pro Monat. (Das reicht gerade f?r die Ern?hrung einer Person). Diese Tatsache ermutigt uns grossartig, da wir endlich kleine Unterst?tzung von dem Staat bekommen.

Ende M?rz haben wir Besuch von der 7. Klasse der Moskauer Waldorfschule gekriegt. Das war ein Dreizehnmannteam, das in einer Woche ein Sommerh?uschen f?r die Jugendlichen neben der Feuerstelle bauen wollte. Sie haben es fast zu H?lfte geschafft.

Mischa Starostin

---

... Ich lerne in der 7. Klasse der Waldorfschule in Moskau. Wir sind nach Monino am 26. M?rz gekommen. Nach Monino kamen 13 Sch?ler aus unserer Klasse. Wir haben viele Reisen nach Monino gemacht, und wir wissen, was Monino ist. Wir haben in Annuschkas Haus gewohnt. Die M?dchen haben Kuchen gebacken, und Jungen Brennholz gehackt. Und alle haben auf der Baustelle gearbeitet. Wir haben ein Haus gebaut, wo wir in Sommer wohnen wollen. Am Abend haben wir Lieder gesungen und gespielt mit Olga, Mischa, Mascha, Uljana, Ilja und Wlad. Unsere Klasse war eine Woche in Monino. Wir fahren sehr gerne nach Monino.

Maria Starostin

---

April

Das gr??ste Ereignis des Monats war Maschas Absolvierung des dreij?hrigen periodischen Seminars f?r Waldorfkinderg?rtner in Moskau. Auf Grund ihrer Erfahrung in Monino hat sie eine Diplomarbeit ?ber soziale Waisenkinder und Kinder von aus Waisenanstalten stammenden Eltern geschrieben.

---
Mai

Am 2. Mai hat unsere Kuh gekalbt. Dass Kalb wurde von unseren Nachbaren, den anthroposophischen Pharmazeuten f?r die Herstellung der Arzneimittel abgeholt. Daf?r haben wir jetzt 17-19 Liter Milch t?glich und haufenweise Quark, Schmand, Sahne und alles, was man damit backen, kochen und braten kann. Die ganze Milchk?che schafft Mascha wie vorher. F?r den Stall (Heu und Ausmisten) ist aber seit September 2003 Uljana zust?ndig. Gemolken wird von Uljana und Mascha.

Am 1. Mai habe ich mein Studium am periodischen Seminar f?r Waldorflehrer angefangen. Das Studium wird drei Jahre dauern.

Vom 3. bis zum 5. Mai war Herr Hornemann zu Besuch. Und die Menschenweihehandlung fand wieder im neuen Schulgeb?ude statt.

---
Wie immer haben wir im Mai gepfl?gt, ges?t, und gepflanzt. F?r den Garten und Ackerbau ist Wlad seit Jahren zust?ndig. Auch Edik kam aus Moskau extra um beim S?en zu helfen.

Mischa Starostin

---

PERSONEN

Ilja

Als Ilja, einer unserer ‘Zeitbetreuten’, im April zum zweiten mal kam wurde er von Igor betreut. Vormittags von 11.30 bis 13.00 hatte Ilja seinen Unterricht. Ich habe mit ihm einen Monat lang Schreiben und Lesen, Gitarrespielen und Geographie ge?bt. Besonders beliebt bei Ilja war aber die Stunde nachmittags – Reiten. Dieser Unterricht fand t?glich statt, unabh?ngig von der Wetterlage, vom Herunterfallen und vom wunden Ges??.

Auch Nachmittags hat Ilja oft zusammen mit Tussja, Nikola und Matwej in der Werkstatt gearbeitet. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, das Bett zu basteln, das Herrn Hornemann bei seinem n?chsten Besuch dienen sollte.

Am 13. April haben wir den sechzehnten Gebutstag von Ilja gefeiert. Nach seinem Wunsch wurde er zu einem Grillausflug.

Mischa Starostin

---
Ilja lebt in Moskau mit seiner Mutter und seinem Stiefvater. Er konnte nicht in der Grundschule lernen, deswegen kam er in die Schule f?r geistig Behinderte. Nach acht Jahren, die er in der Schule verbracht hat, kann er kaum lesen, schreiben und rechnen. Zu Hause wird er wenig geachtet, da es ein zweites Kind gibt, das klein und geliebt ist. Fast die ganze Zeit verbringt er auf der Strasse. Mit anderen Jugendlichen bummelt er durch die Stadt, trinkt Alkohol und experimentiert mit Drogen. Die Eltern glauben nicht mehr, ihm helfen k?nnen und au?er Taschengeld geben sie ihm nichts.

Nach seiner Ankunft in Monino stellte sich heraus, dass Ilja ein guter, recht offener und gar nicht verlorener Mensch ist. Seiner Entwicklung nach m?sste er 9 Jahre alt sein. Dementsprechend wurde er in Monino wie ein Kind dieses Alters, das wenig Aufmerksamkeit von seinen Eltern hatte, aufgenommen und behandelt. Rund um die Uhr war er mit einem Erwachsenen zusammen, wir haben zusammen gearbeitet, gegessen, die Freizeit verbracht. Wir arbeiteten im Wald, im Stall, sp?lten Geschirr, machten Brennholzvorr?te, bauten das Haus f?r Jugendlichen u. s. w.

Am Anfang konnte Ilja nichts selbst?ndig machen und versuchte bei der Arbeit auszuweichen. Aber das rhythmische Leben hatte sein Ergebnis. Wir konnten ihn bald mit kleinen Aufgaben beauftragen, z. B. Sp?len oder Wasser holen.

Ein Paar mal haben wir Ausfl?ge in die Stadt gemacht und kurze Wanderungen unternommen.

In der Zeit, die Ilja in Monino verbracht hat, hat er gelernt, aufmerksam kleine Arbeiten zu leisten, recht gut zu lesen und zu schreiben, erwarb ein gesundes Interesse, und lernte ein Leben kennen, das sich von dem, was er auf den Moskauer Strassen sah, stark unterscheidet.

Igor
---

Uljana

Uljana, die j?ngere Schwester von Mascha, wohnt in Monino seit Juli 2003. Diesen April ist sie 18 geworden. Vor drei Jahren hat sie sich unerwartet ver?ndert. Sie hat Stimmen geh?rt, Visionen und Ged?chnisschw?che gehabt. Eine Zeit lang hat sie auf der Strasse gelebt. Seit Januar 2004 wird sie von einem antroposophischen Arzt behandelt. Z. Z. kann sie selbstst?ndig eigene Verantwortung tragen. Sie melkt die Kuh, kocht jeden Tag Abendessen im Makarowskij Haus und sorgt f?r den Stall.

Wir hoffen, dass Uljana in der Zukunft im Stande sein wird, eine handwerkliche oder landwirtschaftliche Ausbildung zu machen.

Mischa Starostin
Moskau, im Juni 2004

---